Gedichte

Klavier und Ukule

Klavier und Ukule

Neulich war ich bei Charlotte (meine 93-jährige Freundin und kabarettistisches Berliner Urgestein), um sie mit meiner neuen Ukulele bekannt zu machen.

„Weeßte, dass ick mal Klavier jespielt habe?“ sagt sie zu mir. „Ja, das Lied vom Landmann auf unserm Klavier ohne Deckel.
Das Klavier war sozusagen een für alle offenes Instrument.
Und auf dem Klavier stand der Fluch meiner Schwiegermutter – eene riesige, giftgrüne Vase.
Nachdem wir ausjebombt waren, hatte zwar det Klavier keenen Deckel mehr, aber die Vase stand immer noch druff.
Ick hab sie vor die Haustür jestellt, damit irgendeen jeschmacksverirrter Dieb sie klaut. Nischt. Die stand wie festjedübelt.
1953, als wir bei Nacht und Nebel weg mussten aus Berlin, hab ick sie einfach jelassen, wo sie war. Auf dem Klavier. Und wenn sie nicht jestorben ist ...
So un nu spiel ick mal auf der Ukulele den Landmann.“

„Mensch, Charlotte“, sag ich, „und wenn nun jemand an der Tür klingelt und bringt dir das Ding zurück?“
„Ick nähme sie nur mit dem Klavier ohne Deckel. Und würde mit meinen 93iger Fingern solange den Landmann spielen, bis sie sich von alleene zerkloppt!“

Ich drücke die letzte Zigarette aus,  nehme den kleinen Ukulelenkasten mit der noch kleineren Ukulele darin, ziehe Charlottes Tür hinter mir zu und denke:
Gottseidank, auf meiner Uku ist nicht mal Platz für schlechte Laune – geschweige denn für einen Schwiegermutterfluch.
Was für ein wunderbares Instrument!

Klavier und Ukulele

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