Aktuell Gedichtetes
Meine Freundin Charlotte hat im Januar ihren 95. Geburtstag gefeiert. Damit hat sie Miss Sophie längst überrundet. Ich bin jedes Mal fasziniert, wenn ich sie besuche – eine Frau, die Otto Reutter in Berlin-Tiergarten noch live erlebt hat!
Vor ein paar Tagen hat sie gejammert – „weeste“, hat sie gejammert in ihrem Berliner Dialekt, den ihr die Unterfranken auch nach über 50 Jahren nicht austreiben konnten – „weeste, wat det schlimmste ist heutzutache? Dass ick mir nich mehr uffregen kann! Früher hab ick mir uffjeregt und denn habe ick jeschrieben. Jetzt schreib ick nüscht, weil ick mir einfach nich mehr uffrege. Über allet, wat mir heutzutache uffregen könnte, hab ick schon jeschrieben, weil ick mir früher schon drüber uffjeregt habe. Ick brauch bloß die Namen ändern, aber det is doch nich schreiben! Wat für een Dilemma!“
„Ach Mönsch“, hat sie gesagt, „ick gloobe, ick werd langsam alt…
Charlotte Kurth
(Mai 2011)
Eugen Roth zu der Affäre, wenn er noch am Leben wäre
Ein Mensch, das edle Haupt gegelt,
stellt fest, dass diesem Haupt was fehlt,
das imaginär den Kopf bedeckt
als Zeichen für den Intellekt.
Darum fasst er den Entschluss,
dass er hier was ändern muss.
Ergo, denkt er als Lateiner,
mit von und zu, da kann ihm keiner.
Dreist klaut er fremdes Wissensgut
für den eignen Doktorhut.
Und bei der Universität
galt Herkunft schon als Qualität,
hat doch der Mensch in Ton und Bild
Ehr’ und Treu’ im Wappenschild.
Mit Professoren, so beim Golfen
wird noch etwas nachgeholfen.
Siehe da und ei der Daus,
schon wird ein cum laude draus.
Arrogant und frohen Mutes
freut sich der Mensch des Doktorhutes,
dieser betont mit Vehemenz
letztlich auch Intelligenz.
Die Seine wog nicht allzu schwer,
doch das merkt man erst hinterher.
Denn man kam im letzten Winter
erst per Internet dahinter,
dass der noble Kandidat
alle Welt beschissen hat.
Doch diese Welt urteilt nicht scharf
über das, was man nicht darf,
denn man darf gegebnen Falles
in der hohen Politik fast alles.
Nur soll man nicht, wie Knastinsassen,
sich dabei erwischen lassen.
Denn letzteres kränkt die Gemüter
der gelehrten Geisteshüter.
Die Andern, weiblich, jung und alt
vermissen nur die Lichtgestalt.
Weil man, durch Bild und Ton geschult,
noch immer um den Adel buhlt.
ck












